Kaffee – Dichtung und Wahrheit

Die Entdeckung des Kaffees als belebendes Getränk liegt im Dunkeln. Es verwundert nicht, dass sich viele Geschichten um die erste Zubereitung ranken. Von diesem Zauber des Geschichtenerzählens scheint bis heute nichts verloren gegangen zu sein. So wird berichtet, dass dem Körper bei Kaffeegenuss Wasser entzogen wird, obwohl dies mittlerweile auch von der Ernährungswissenschaft bestritten wird.

Natürlich bedient sich auch die Werbung der Erzählkunst – es brennen glücklich lachende und in schönen Farben tanzende Kaffeebauern mit Hingabe das Logo eines Großrösters auf die Kaffeesäcke. Da Kaffee aber das zweitwichtigste Welthandelsgut nach Erdöl ist, sieht die Wahrheit leider anders aus. Durch Spekulationen der weltweit agierenden Trader wird der Erzeuger stets nur als austauschbares Humankapital am unteren Rand des Existenzminimums gehalten.
Doch es keimt eine kleine Hoffnung: Die edlen Kaffees, die bisher oft nur als Verschnittware dienten, werden von einer immer größeren Zahl von Kaffee- und Espressoenthusiasten in reiner Form genossen. So wird die wirklich gute Qualität nicht mehr als bloßer Geschmacksgeber für ein Massenprodukt verschwendet.

Zurück zur Dichtung: Abessinische Hirten sollen es gewesen sein, deren Ziegen nach dem Genuss von kirschenähnlichen Früchten eines hohen Strauchs mit dicken Blättern nicht mehr schlafen konnten. Die Mönche eines nahen Klosters rösteten die Kerne und brauten daraus einen aromatischen und belebenden Trank – den Kaffee.
In dieser Geschichte steckt viel Wahres, so gilt das Hochland Äthiopiens als Urheimat des Kaffeestrauchs. Und noch heute kommen einige der besten Qualitäten wie Jirgacheffe, washed Sidamo oder Harar aus eben dieser Gegend. Nach vielen Höhen und Tiefen des Kaffeeanbaus scheint sich das Herkunftsland des Kaffees nun zunehmend mit Klasse statt Masse auf dem Weltmarkt behaupten zu können.

Der Fairness halber sei der Leser aber gewarnt, denn es ist wie bei gutem Wein: Hat man einmal länger in die höheren Sphären hineingeschmeckt, so ist der Weg zurück in die Niederungen der Standardware recht beschwerlich. Und gar mit Grausen wendet man sich ab vom Werberausch unnatürlich fröhlicher, gutaussehender Menschen, die den Verzehr der unsäglichsten Convenienceprodukte scheinbar ohne Risiken und Nebenwirkungen überstehen.


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